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Dreamality

Manolo lag auf dem Rücken auf seinem Neongrünen Sessel, die Wirbelsäule durchgebogen, sodass Füße und Kopf den Boden berührten. Die Tasse mit dem heißen Kaffee brannte leicht an seiner Hand, die schlaff auf dem Teppig lag. Ein lauter, lang gezogener Seufzer quetschte sich aus seiner trockenen Kehle hervor. Es ging ihm gut, endlich einmal wieder. Gerade, für diesen kurzen Moment war das Leben in all seiner Sinn- und Belanglosigkeit wundervoll. Ein Moment vollkommener Ruhe in Einsamkeit, Stille und völliger Dunkelheit. Tatsächlich waren die Rolladen herunter gelassen, obwohl es tiefste Nacht war - Manolo hatte sein Gefühl für Zeit völlig verloren.
Manolo hatte Hunger, doch wenn er essen wollte, so hätte er die Wohnung verlassen müssen. Doch dieser Moment, welcher übrigens schon etwa vierzig Stunden andauerte war so unendlich befriedigend, dass er ihn niemals für etwas so unwichtiges wie Essen zerstört hätte. Nach einem zwölf-stündigen Schlaf, welchen er vor etwa einer halben Stunde beendet hatte genoss er es, völlig regungslos da zu liegen, wenngleich sein Rücken durch die aus ärztlicher Sicht völlig inakzeptable Haltung schmerzte und seine Hand langsam anfing, an der Kaffeetasse festzukleben. Manolo war versunken. Nicht in Gedanken, er dachte zwar, aber sein Denken ging nicht über seinen Körper, zumindest nicht über sein Reich auf fünf mal fünf Metern hinaus; er war völlig in sich selbst versunken. Was genau in seinem Kopf vor sich ging, das hätte wohl möglich nicht einmal er selbst sagen können. Nach einer längeren, oder eben einer kürzeren Zeit, die Kaffeetasse an seiner Hand war längst komplett abgekühlt, zog Manolo seine Gliedmaßen zu sich heran und wuchtete seinen Körper auf die Seite, vergrub sein Gesicht in der Rückenlehne seines Sessels. Ein unbeschreiblicher Ton entfuhr ihm; es mochte eine Art Seufzer mit einem von leichtem Grollen durchsetzten Gähnen sein, und damit signalisierte Manolos Körper seinem Gehirn, dass er sich einem Zustand näherte, der dem Tod mehr ähnelte, als dem Leben.
Er zuckte krampfartig zusammen, griff nach der Rückenlehne und zog sich daran hoch. Manolo schaffte es schließlich, beide Beine auf den Boden zu stellen und sich aufzurichten. Zwar gelang ihm dies nur mit einem lauten Knacken seines Kniegelenkes, doch er schaffte es. Er stolperte über den von Müll überdeckten Boden, wobei er die kürzlich benutzte Kaffeemaschine um, welche stets in greifbarer Nähe stand, wenn er in seinen Ruhezustand verfiel, bis er die Wand erreichte, tastete sich an dieser entlang, bis er schließlich den Lichtschalter fand, welchen er mit einem Handkantenschlag betätigte. Ein lautes Kreischen ertönte und drohte, seinen Kopf zum Platzen zu bringen. Eine art unsichtbare Macht schien ihn frontal zu erfassen und zurück zu werfen. Mit lautem ächzen stürzte er zu Boden und verdeckte seine Augen, als seie er eine Kreatur der Unterwelt, welche im Licht stürbe. Seine Schläfen schmerzten unerträglich und dort, wo er Augen hätte haben müssen, fühlte er zwei glühende Eisenstäbe in seinem Kopf stecken. Er wand sich unter Schmerzen, erst, als er sich einige Minuten später beruhigt hatte, wagte er, die Hände von den Augen zu nehmen, welche er jedoch nach wie vor geschlossen hielt.
Das orangerote Licht, das durch seine Lider drang empfand er als wohlig und er ergötzte sich noch einige Minuten daran. Als er schließlich die Augen öffnete, erblickte er eine gräulich-weiße Kalkdecke, aus welcher größere Stücke Putz ausgebrochen waren. Bei dieser Gelegenheit fiel Manolo's Körper ein, welches Bedürfnis wohl gerade das schwerwiegendste war. Von seinen eigenen Kräften überrascht rollte er auf den Rücken und sprang mit einer glatten Bewegung auf, landete sogar zielsicher auf den Füßen. Wie von Geisterhand bewegt, trugen ihn seine Füße zum Waschbecken, in welchem er sogleich seinen Kopf versenkte, den Hahn aufdrehte und die klare Flüssigkeit, wenn ein dünner Rinnsal denn durch eine Laune des Zufalls einmal seinen Mund erreichte schlürfend einsog. Das kühle Leitungswasser erfrischte ihn, küsste seinen Magen innig und hauchte Manolo wieder Leben ein. Als er aufblickte, sah er einen mürrisch dreinblickenden, jungen Mann, dessen ansonsten käseweißes Gesicht beinahe komplett von blassroten Druckstellen seines Stoffsessels überdeckt war und welches von einer dichten Mähne strohigen, blassbraunen Haares umschlossen war. Als die schlaffen Gesichtszüge einem müden Lächeln wichen, stellte Manolo fest, dass es sich hierbei um sein eigenes Spiegelbild handelte, welches ihm gerade außergewöhnlich hübsch und sympathisch erschien. Durchaus war Manolo kein hässlicher Mensch, im Gegenteil, jedoch war es einfach seine Art, dass er sich Selbst als den Schönsten überhaupt sah. Jedes andere Gesicht hätte ihn geekelt, von anderen Menschen wollte Manolo nichts wissen. Aus diesem Grund hielt er sich auch die Meiste Zeit dort auf, wo sich kein anderer Mensch hin wagte.
Obwohl er ansonsten schlaff und müde wirkte, starrten seine Augen durchdringend, ja, die Augen seines Spiegelbildes erschienen ihm fast stechend, als bohrten sie sich durch seinen Kopf, brachen aus seinem Hinterkopf hervor und starrten durch die entstandenen Löcher hindurch. Ohne das Wasser abzustellen, wandt er sich ab. Die Langen Haare streiften dabei seinen Arm, ehe sie flach auf seinem Rücken liegen blieben.
"Guten Morgen, Manolo." Sagte eine helle, quietschig nervige, aber völlig emotionslose Stimme hinter ihm. Manolo sah sich nicht einmal um, er gurgelte nur einen Laut hervor, der ähnlich klang wie "Verschwinde." ehe er sich am Türrahmen, in welchem sich übrigens keine Tür befand abstützte, um nicht von seinem Kreislauf, der sich gerade einschaltete umgeworfen zu werden.
"Ich hab' es dir schon so oft gesagt. Emily mag es nicht, wenn du das Wasser laufen lässt. Wenn es etwas gibt, was Emily überhaupt nicht leiden kann, dann ist es Wasser, das ohne triftigen Grund vergossen wird."
Manolo riskierte nun einen Blick über die Schulter und erblickte ein kleines Mädchen mit langem, weißen Haar und ebenso weißen Augen, welches im Spiegel lässig neben dem Waschbecken auf der Ablage saß. Ihre Haut war aufgedunsen und weiß. Jeder Mensch hätte sie auf den ersten Blick für tot gehalten, womit er auch nicht falsch lag. Sie war vor etlichen Jahren ertrunken. Sie trug immernoch das schäbige, weiße Nachthemd und ein kleines, grünes Krokodil, eine Ausrede von einem Stofftier unter dem Arm. Ihre Lippen waren ebenso weiß wie ihr Kleid und der Rest ihres Körpers, aber man konnte sehen, dass sie zu Lebzeiten ein hübsches Mädchen gewesen sein musste.
"Jo." Sagte Manolo nun mit plötzlich wiederkehrender Stimme. "Sagtest du."
Das Mädchen wandt sich von ihm ab, wandt sich stattdessen seinem Spiegelbild zu und streichelte sanft dessen Gesicht. Manolo sah ihr einen Moment lang zu, dann bewegte er sich zum Waschbecken zurück und stellte das Wasser ab.
"Gib's zu!", quietschte das Mädchen "Du hast das Wasser angelassen, weil du Emily sehen wolltest.", und hielt seinem Spiegelbild das Stofftier unter die Nase. Manolo stieg ein muffiger, feuchter Geruch in die Nase.
"Wieso sollte ich mit deinem blöden Krokodil sprechen wollen?" Fragte Manolo genervt.
"Amanda ist weise! Du suchst Antworten. Antworten auf Fragen, die dir nur sie geben kann."
Das Mädchen, welches selbst keinen Namen zu haben schien, zumindest nicht, dass er ihn jemals gehört hätte redete nie über sich selbst, ihre Emotionen teilte sie Manolo stets in der dritten Person über das Krokodil mit, welches in jedem zweiten Satz einen anderen Namen hatte. Die Namen, obwohl sie sich häufig wiederholten schien das Mädchen völlig willkührlich, ohne irgendein System zu wählen.
Ohne ein weiteres Wort zu sagen machte Manolo kehrt und ließ das Kind zurück. Sein Magen fühlte sich an, als würde er jeden Moment von der Säure durchfressen, wenn man ihm nicht bald irgendwelche Nahrung zukommen ließe. Er musste also nun aus seiner schönen, düsteren Wohnung heraus und hinein in die menschenverseuchte Welt.


Kapitel 1

Es war eine feuchte, angenehm kühle Sommernacht. Sie hatte nichts nennenswertes. Der Himmel war vielleicht für manch einen schön anzusehen, das Gezeter der nächtlichen Vögel mochte der Szenerie vielleicht eine besondere Atmosphäre verleihen, doch Manolo empfand nur eines, und das war sein verzweifelter Zwang, am Leben zu bleiben. Schnellen Schrittes eilte er durch die kleine Allee, welche komplett Menschenverlassen war, bis er eine bestimmte Stelle erreichte. Die Eine Stelle. Er zwängte sich zwischen ein paar Ästen mit dicken Dornen - er wusste nicht, um was für eine Pflanze es sich dabei handelte, nein, genau genommen hatte er nie auch nur einen einzigen Gedanken an sie verschwendet - hindurch, huschte raschelnd durchs Unterholz, bis er ein paar Sekunden später geradewegs neben dem hell erleuchteten Supermarkt auf die Einkaufsstraße hinaus trat. Er spürte ein leichtes Stechen im Nacken, offenbar ausgelöst durch einen Dornenzweig, der sich in seinen Haaren verfangen hatte. Er packte ihn kurzerhand und riss mit ihm ein ganzes Bündel Haare heraus. Als er den Zweig von sich warf hatte er den Supermarkt bereits betreten. Als würde er festgelegten Schienen folgen, schlängelte er sich zwischen den Regalen hin und her, griff zielgerichtet nach den Dingen, die er quasi seit Anbeginn der Zeit kaufte. Nach nur wenigen Minuten stand er an der Kasse, wo ihn die hässliche, ihn andauernd misstrauisch musternde, fette Verkäuferin nur widerwillig bediente. Gewiss war er keine alltägliche Gestalt.
Er trug relativ unauffällige Kleidung: Eine ausgebeulte, ehemalig schwarze, mittlerweile eher verwaschen graue Hose, ein Paar einfacher, grauer Turnschuhe, ein schwarzes T-shirt und einen hellgrauen hurzen Mantel, seine wirren, im weißlichen Licht des Supermarktes gar farblos wirkenden Haare, die ihm bis zur Hüfte hinabreichten umspielten seine Silhouette, sein Blick war immer starr geradeaus gerichtet und wenn man ihm folgte, musste man nicht damit rechnen, irgendetwas zu finden. Obwohl er ein nettes Gesicht hatte, kam er nicht sympathisch, nein, eher verabscheuenswürdig herüber. Sein ganzes Antlitz ähnelte mehr einem grauen Kieselstein, als einem Menschen, denn wenn man ihn so ansah, nahm man zumindest im ersten Moment keinerlei Farben wahr.
"Zwanzig neunundneunzig." sagte die Verkäuferin mit ihrer männlich wirkenden Stimme missgelaunt. Man merkte ihr ihre Freude an der Arbeit zu dieser Uhrzeit wirklich an.
Manolo starrte nun durch ihren Kopf hindurch und fragte sich, was sie denn für Probleme habe. Er war der Ansicht, dass es viel besser sein musste, des Nachts hier zu arbeiten, wenn wenig Kundschaft kam, als Tagsüber. Er kramte in seiner Hosentasche und zog das dicke Portemonnaie hervor, wobei sein Haustürschlüssel leise zurück klimperte. Er fischte einen Zwanziger und ein Wenig Kleingeld heraus und legte es der Frau wortlos hin, dann ging er zu einem kleinen Container, wo leere Pappkartons entsorgt wurden, griff sich ein Exemplar und nahm es mit zur Kasse. Er warf seine Sachen lieblos hinein, nickte in irgendeine unbestimmbare Richtung, zu welchem Zweck auch immer und verließ den Laden wieder.
"Ich hasse mein Leben so..." Seufzte die Verkäuferin, wärend sie das Geld in die Kasse einsortierte.

Der Rückweg verlief ähnlich, wie der Hinweg, auch wenn Manolo einige Male etwas im Dickicht verlor und wieder auflas. Schließlich befand er sich wieder auf der Allee, welche er zügig entlang schritt, bis er plötzlich eine wohl vertraute Stimme hörte:
"Manolo." Sagte die seidige, grauenvolle Stimme, die einem buchstäblich die Nackenhaare zu Berge stehen ließ tonlos. "Du willst also essen?"
Manolo wirbelte herum und erblickte sofort die in einen Mantel gehüllte Gestalt, deren Gesicht unter der Kapuze nicht zu sehen war. Sie schwebte etwa einen Meter über dem Erdboden, hatte eine Hand unter dem Mantel verborgen, hielt in der Anderen, behandschuhten Hand einen länglichen mit Stoff umwickelten Gegenstand, der würdig erschien, ihn sich zu merken.
"Nein!", Schrie Manolo plötzlich auf. "Hau ab!" Wie ein Wahnsinniger wühlte er nun in seinen Einkäufen, schnappte sich schließlich eine Packung Salami, riss sie auf und begann eine Scheibe nach der Anderen herunter zu schlingen, ohne unnötig viel zu kauen.
"Du bist erbärmlich, Manolo." Die schwebende Gestalt schwebte etwas zurück in die Schatten. "Nächstes Mal solltest du vorsichtiger sein. Höre lieber auf deinen Körper, als auf dein Hirn, denn auf dieses scheinst du dich nicht verlassen zu können."
"Halt's Maul! Mein Gehirn..." Er würgte etwas und fasste sich an die schmerzende Brust, wo sich ein größerer Klumpen Fleisch in der Speiseröhre festgesetzt zu haben schien.
"Mein Gehirn ist noch das, was am besten funktioniert!"
Der Mann mit der Kapuze hielt den Stabartigen Gegenstand an seinen Rücken, wo er dann scheinbar von allein in der Luft liegen blieb.
"Dann soll dir das Glück gnädig bleiben. Aber... Glück... Hast du so etwas wie Glück überhaupt jemals erfahren dürfen?"
Manolo schrie vor Wut auf, packte ein Netz mit Äpfeln - normalerweise zog er diesen carnivore Nahrung vor, aber er hatte gelernt, dass er sich besser fühlte, wenn er gewisse Vitaminreiche Speisen zu sich nahm - und warf es der schwebenden Gestalt entgegen, doch diese lachte nur freudlos auf und verschwand in der Dunkelheit. Zurück blieb nur ein ratloser Manolo, eine grüne Paprika wurfbereit in einer Hand, Lebensmittel überall um ihn herum auf dem Boden verstreut, lebendig, aber von kalter Angst gefesselt. Leise vor sich hin wimmernd versuchte er, so gut es ging, die Einkäufe aufzusammeln und wieder zu verstauen, dann packte er den Karton und rannte in Richtung seiner Wohnung davon.

Die orchestrale Musik umschlang Manolos Herz liebevoll. Aus dem Internet heruntergeladen, ehemals Hintergrundmusik zahlreicher Videospiele; teilweise unverändert, teilweise von Orchestern nachgespielt ruhten Tausende von Musikstücken auf seinem PC und sofern er gerade nicht ruhte, liefen sie permanent hinauf und hinunter. Natürlich saß er mal wieder faul in seinem knuddeligen Sessel, doch er ruhte nicht, nein, er war so wach, wie er es nur selten war. Obwohl er etwas zerstreut schien, sah er viel lebendiger aus, als vor einigen Stunden, ja, die Menschen hätten ihn sogar für völlig gesund halten können, wenn sie ihn denn zu Gesicht bekommen hätten. Durch die kleinen Ritze seiner Rolladen fielen dünne Lichtstrahlen hinein, die den Boden mit sattgoldenen Flecken bedeckten und in denen fette Staubkörner tanzten wie Schneeflocken in einem Sturm.
Manolo führte den Kaffee zum Mund und nippte mit leisem Schlürfen daran, dann schloss er die Augen und sah den visuellen Eindrücken zu, die die Musik in seinem Hirn schuf. Er hatte ausgezeichnete Seh-, Geruchs-, Hör- und Tastsinne, doch teilweise nahm er Dinge anders wahr, als andere Menschen. Hörte er bestimmte Geräusche bestimmter Wellenlängen, wie harmonische Klänge eines Klaviers oder die sanften Töne einer Violine, so erschienen beispielsweise bunte Linien und Flächen in seinen Augen, welche sich andauernd neu mischten und immer wieder völlig abstrakte oder auch realistische Bilder entstehen ließen. Welten aus saftig grünen Wiesen erschienen plötzlich, im Takt des Schlagzeuges sprossen Bäume aus dem Boden, Feuer tanzte über alles hinweg, bis es von einem starken Klavierregen gelöscht wurde, ehe sich alles is ein Meer aus allen Regenbogenfarben verwandelte.
Oft verbrachte Manolo stundenlang in diesem Zustand, ohne jedoch zu träumen oder zu schlafen. Er dachte dann immer am meisten nach. Entweder wanderte er in seiner bunten Musikwelt umher und grübelte über den Sinn seines Lebens, den Sinn von Schule, Arbeit, des ganzen Gesellschaftssystems, den Sinn von Freundschaft, den Sinn von Einsamkeit, den Sinn der Natur, ob Kaffee wirklich den Schlaf ersetzte und so fort.
Der Kaffee ließ in seinen Ohren bei jedem Schluck ein wohliges Summen ertönen, welches sich tatsächlich immer perfekt in die Musik integrierte. So sinnierte er gerade über den Sinn von Freundschaft, wärend er sich mit seinem Schwert durch ein Dickicht aus dicken Rohrpflanzen schlug, wobei bei jedem seiner Schläge ein Paukenschlag ertönte. Schließlich setzte er sich auf einen Moosbewachsenen Felsen.
Anatol war sein bester, sein einziger Freund. Wenn er mit ihm zusammen war, benahm er sich fast wie ein richtiger Mensch. Anatol war ein ruhiger junger Mann, ausgeglichen, wie es ein ruhiger Bergbach ist. Er war freundlich, lustig und hatte immer einen kecken Spruch auf den Lippen. Er redete auch nur wenn er etwas zu sagen hatte, ählich wie Manolo es tat. Ging es jedoch darum, Witze zu machen, und das war es, was Manolo am Meisten an ihm schätzte, so konnte man mit ihm gemeinsam stundenlang lachen. Sie Beide hatten denselben Humor, dieselbe Art von innerer Ruhe, dieselben Interessen. Wenn sie zusammen waren, waren sie glücklich, wenn sie getrennt waren, weil einer gerade keine Lust auf den Anderen hatte, so war keiner von Beiden sauer; Manolo war überaus dankbar, dass er diesen einen Mensch hatte, der ihm gefiel. Einige Füchse hatten sich genähert und schnupperten interessiert an Manolo, welcher völlig gedankenverloren auf dem Felsen saß. Fröhlich kläffend umkreisten sie ihn und tollten wild herum.
Der junge Mann mit dem langen, wallenden Haar ließ einen von ihnen nahe herankommen, schnappte ihn sich und kuschelte sich fest an ihn. Der Fuchs ließ es genüsslich über sich ergehen und ließ sich streicheln.
Ein lautes Klingeln ertönte und die Füchse flogen auf großen, roten Schwingen davon. Manolo sah sich mit genervtem Gesichtsausdruck um. Direkt vor ihm stand nun eine Art gigantischer, schwarzer Panther aus dessen Kopf und Rücken blutrote Federn wuchsen und dessen Krallen unglaublich lang wirkten. Um seinen Hals trug die Bestie einen Wecker, der schrill klingelte. Manolo schrak zurück und fiel bei der Gelegenheit rücklinks von seinem Fels. Er richtete sich auf, zog sein Schwert und stellte sich der Kreatur mutig entgegen. Das gewaltige Tier hob nun den Kopf etwas an und unter lautem Schnaufen sog es die Luft in sich hinein. Dann begann plötzlich grüner Dampf aus seinem Rachen zu schwellen. Instinktiv duckte sich Manolo hinter den Fels und entging nur knapp dem höllisch stinkenden Brodem, den der Panther nach ihm spie. Eine dramatische , hektische Geigenmusik schwoll an. Manolo kam hinter dem Stein hervor und sah gerade noch rechtzeitig, wie das Monstrum mit gewetzten Klauen auf ihn zu schnellte. Er tat einen großen Schritt zur Seite, wärend er weit ausholte. Dann schwang er das Schwert mit unglaublicher Wucht seinem Feind entgegen. Die Klinge schnitt tief in den Hals der Monsters, wobei der Wecker los riss und zu Boden fiel. Mit lautem Klirren zerbarst er, das Klingeln erstarb und der Panther stürzte mit brodelnden Würgelauten hin. Manolos Herz raste, als er sich plötzlich in seinem Zimmer wieder fand und den Hörer seines Telefons in der Hand hielt.
Er führte ihn an sein Ohr und sagte: "J- ja?"
"Guten Tag, hier ist das Bestattungsinstitut Burgmeyr.", antwortete eine tiefe, männliche Stimme.
"Sie haben neulich nach Särgen für einzelne Körperteile gefragt. Wir haben jetzt welche auf Lager, allerdings für ihr Glied nur in Übergröße."
"Anatol!" Seufzte Manolo erleichtert. "Oh... Nunja, das mit dem Glied hat sich erledigt, aber wie sieht es mit der Pyramide aus?"
"Die Pyramide wurde bereits fertig gestellt und die Gruft wie geplant mit Mettwurst aufgefüllt. Wie geht's?"
"Jo.", antwortete Manolo, "Und dir? Lang nicht gehört. Was willst du, du alter Wurstsack?"
"Nix. Kann ich vielleicht vorbei kommen?"
"Klar, mein Glied steht immer für dich offen."
Ein leises Klacken ertönte, dann kam das Leerzeichen. Mit einer schwungvollen Bewegung legte Manolo den Hörer neben das Telefon. Da Anatol der Einzige war, der bei Manolo anrufen durfte, konnte es ihm egal sein, wenn er nicht erreichbar war. Die mittlerweile ruhiger gewordene Musik mitsummend durchquerte er nun seine Wohnung, bis er die "Küche" - eigentlich befand sich natürlich alles bis auf das Badezimmer, welches durch einen leeren Türrahmen vom Rest getrennt war in einem einzigen Raum - erreichte, wo er begann etwas zu Essen und zu Trinken bereit zu stellen.



Kapitel 2

Es klingelte. Manolo öffnete die Wohnungstür und drückte auf den Brummer. Ein paar Stockwerke tiefer hörte man, wie sich die Haustüre öffnete und wieder schloss. Leise, regelmäßige Schritte näherten sich. Manolo musste unweigerlich anfangen zu grinsen und als er schließlich Anatols Kopf über dem Geländer erscheinen sah, stellte er fest, dass dieser ebenfalls versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken. So war es in den sieben Jahren, die sie sich nun kannten schon immer gewesen.
Anatol kam mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu. Er war ein hoch gewachsener, junger Mann mit schulterlangen, glatten, schwarzen Haaren, die er zu einem Zopf zusammengebunden trug. Seine Augen hatten ein helles Blaugrau, er trug ein schwarzes Hemd und standardmäßige blaue Jeans, aus deren Beinen ein paar brauner Lederstiefel ragten, die nach vorn spitz zuliefen. Im gegensatz zu Manolo war sein ganzes Erscheinungsbild gepflegt und die Frauen standen auf ihn. Obwohl sein Verhalten dem Manolos stark ähnelte, kam er immer charmant herüber und die Leute hätten ihm ohne mit der Wimper zu zucken ihre Kinder anvertraut. Er war das, was man einen Blender nannte. Er erkaufte sich das Vertrauen der Leute, um sie schamlos auszunutzen und dann wegzuwerfen wie benutzte Kondome. Obwohl es ein beliebter Insiderwitz zwischen ihm und Manolo war, dass man Kondome umkrempeln und erneut benutzen konnte.
Schon oft hatte er Mädchen mitgebracht und ihnen und auch Manolo die große Liebe vorgespielt, nur Tage danach jedoch diesem erzählt, dass er sie wieder in den Wind geschossen hatte. Auch hatte er sich häufig Geld von ihnen geliehen, welches sie dann nach der Trennung garnicht zurück haben wollten. Er tat dies Kalblütig und völlig ohne Reue.
Herzlich umarmten sie sich.
"Manolo, mein Hengst!"
"Anatol, mein kleines Zuckerschnäuzchen!"
Sie ließen voneinander ab und betraten Manolos Wohnung. Anatol sah sich einen Moment lang um.
Die linke Wand des Raumes war komplett zugestellt mit Regalen, welche achtlos mit Büchern und Papiermüll vollgestopft waren, den Manolo per Post erhielt. An der Wand gegenüber stand das ungemachte Bett sowie der PC mit anschließender Stereoanlage, neben welchem die "Türe" zum Badezimmer führte. Rechts daneben befand sich die Küche. Die Wand auf die man direkt sah, wenn man den Raum betrat wurde kaum genutzt; sie war mit Postern und Verpackungen von Videospielen zugepflastert. Mittenmatschig im Raum stand der neongrüne Sessel, auch ein paar Stühle lagen herum. Direkt neben der Wohnungstüre stand, und man musste aufpassen ihn nicht mit ihr zu zerquetschen, der Fernseher und zwar mitten auf dem Boden. Der Boden war nicht mehr zu sehen. Er war von Müll, Büchern, alten Schulheften (nicht, dass er jemals hinein sehen würde, aber Manolo wusste nicht, wo er sie hin tun sollte) und benutzem Geschirr verdeckt. Alles war so wie immer.
Die Stereoanlage spielte gerade "crimson moonlight", ein schauriges Lied mit Orgeln, Geigen und E-Gitarren, das sofort ins Blut ging. Manolo ließ sich wie ein Stein in seinen Sessel fallen, Anatol setzte sich einfach auf den Boden und schnappte sich sogleich die Fernbedienung, welche unter ein paar leeren Verpackungen neben ihm lag. Er schaltete den Fernseher an und zappte durch alle Programme, wärend sein jüngerer Freund starr auf die Mattscheibe glotzte.
"Verdammt. Überall nur Spielfilme." Grunzte er.
Schließlich fand er eine Dauerwerbesendung, wo ein neuartiges Luftbett angeboten wurde, welches nicht einmal dann platzte, wenn man es mit einem LKW überfuhr. Erleichtert legte er eine herumliegende Bettdecke über einen Stapel von Schulbüchern und lehnte sich daran an. Dauerwerbesendungen waren tatsächlich fast das Einzige, was das Fernsehen noch interessantes für die Beiden zu bieten hatte. Es war immer wieder lustig, wie billig sie aufgemacht waren, wie schlecht sie synchronisiert waren und wie grausam offenbar die Übersetzung gescheitert war.
"Und dank der Double-Airbag-Technologie sorgt das Coolwind Luftbett stets für eine gesunde Rückenhaltung!", hieß es gerade, wärend eine völlig sinnlose Animation gezeigt wurde, in welcher sich eine Art Gummikissen einer Wirbelsäule perfekt anpasste, sodass diese ihre Form behielt. Dann sah man einen älteren Geschäftsmann im Anzug und eine überdreht wirkende junge Frau, welche mit ihren Armen wilde Gesten machte.
"Wow, Martin, das ist echt verblüffend! So eins brauche ich unbedingt für mich zuhause.", säuselten der Fernseher und die beiden Freunde im Chor. Manolo grinste über beide Backen. Er war wirklich froh, dass er Anatol hatte. Es gab keinen passenderen Freund für ihn auf der ganzen Welt.

Manolo erwachte mit heftig schmerzendem Rücken auf seinem Sessel. Er zuckte zusammen, als er ein Schnarchen hörte und krachte vor Schreck zu Boden. Verwirrt sah er sich um und erblickte schließlich Anatol, der tief schlafend neben ihm lag. Er schloss erleichtert die Augen und kletterte zurück auf seinen Sessel. Sofort rollte er sich zusammen und versuchte, wieder einzuschlafen. Er war auch kurz davor, als er plötzlich einen grün schimmernden Kreis sah, der sich proportional ausdehnte und schließlich verschwand. Er riss die Augen auf und setzte sich ruckartig auf. Da, schon wieder sah er es. Es sah aus wie der Kreis, der entsteht, wenn ein Tropfen auf eine Wasseroberfläche fällt.
„Verdammte Scheiße!“, entfuhr es Manolo und er ließ sich wieder vom Sessel gleiten. Vorsichtig, bemüht, Anatol nicht aufzuwecken, schlich er sich durchs Zimmer und betrat schließlich das Badezimmer. Der Wasserhahn tropfte. Er griff nach diesem, doch einen Moment vorher ertönte eine nervige, quietschige Stimme.
„Manolo! Du hast das Wasser angelassen!“
„Nein, das habe ich nicht.“ Entgegnete Manolo genervt.
Das weiße Mädchen saß direkt hinter seinem Spiegelbild auf dem Rand der Badewanne, das Krokodil auf seinem Schoß liegend und ließ die Beine schlottern. Jeder normale Mensch hätte sich umgedreht und nachgesehen, doch Manolo wusste, dass das Mädchen nur im Spiegel zu sehen war. Ja, es schien fast so, als sei das, was er im Spiegel sah eine völlig andere Welt. Und eben nur in dieser Welt schien sie zu existieren.
„Du hast das Wasser angelassen!“ Wiederholte sich das Mädchen. „Gerade vor zwei Stunden oder so, ich hab‘ es mit eigenen Augen gesehen.“
Manolo drehte sich um und vergewisserte sich, dass Anatol noch schlief, dann wandte er sich wieder dem Spiegel zu und schrak heftig zusammen. Das weiße Mädchen stand plötzlich gerade einmal einen Meter von ihm entfernt, direkt hinter seinem Spiegelbild.
„Tu das nie wieder, hörst du!?“ motzte er sie an.
„Du hast das Wasser angelassen!“ Quietschte sie nun etwa doppelt so laut, wie vorher, aber immer noch völlig monoton und emotionslos.
„Wegen dir ist Marie wach. Kannst du das in irgendeiner Weise verantworten?“
„Halt‘ dein Maul, du schäbige Göre!“, zischte Manolo aufgebracht, „Außerdem habe ich gerade etwa zehn Stunden geschlafen, also kann ich es nicht gewesen sein.“
„Ich hab‘ dich gesehen, du Lügner!“
„Hör‘ zu: Ich werde das Wasser jetzt abstellen und dann verschwindest... verschwindet ihr beide. Verstanden?“
Mit diesen Worten schloss er den Wasserhahn und wandte sich zum Gehen.
„Du machst Alya wütend. Vergiss es nicht noch einmal.“ Das weiße Mädchen verzog das Gesicht zu einer Dämonischen Fratze und grinste ihm hinterher.

Die Schule hatte schon wieder begonnen, aber Manolo hatte bisher keine Lust gehabt, hin zu gehen. Er lernte niemals. Bisher war das nicht weiter schlimm gewesen, denn er hatte sich immer so durchgemogelt, ohne sitzen zu bleiben, doch dieses Mal war es alles hoffnungslos verloren. Manolo kümmerte dies nicht weiter. Seine Eltern hielten ihn für einen unheilbar gestörten Jungen, aus dem sowieso niemals etwas werden würde, daher finanzierten sie ihm seine Wohnung, und das würden sie auch weiterhin tun, solange er nur zur Schule ging. Bis er diese abgeschlossen hatte, war noch Zeit. Manolo selbst hielt sich für ein unglaubliches Genie. Er war viel intelligenter, als die Meisten anderen Leute und das wusste er. Er konnte zwar kaum etwas, weshalb die Annahme seiner Eltern, dass aus ihm nichts werden würde nicht gerade unberechtigt war, doch er würde sich mit einem kleinen Job zufrieden geben, mit dem er weiterhin seine Wohnung und das bezahlen konnte, was er zum Leben benötigte. Es war ja nicht so, als ob er besonders viel brauchte. Er brauchte etwas zu Essen, einen Platz zum Schlafen, das Internet, welches er aber wenn nötig auch kündigen konnte, und er musste sich sein Hobby finanzieren können; Videospiele. Alles in Allem sollte das nicht allzu schwierig sein, dachte er sich, und da er noch zur Schule ging, brauchte er sich um so etwas auch gar keine Sorgen zu machen.
An Frauen verschwendete Manolo selten seine Gedanken. Es mochte sein, dass er heterosexuell war, doch er hatte sich nie wirklich für Sex interessiert, außerdem hätte er niemals mit einer Frau zusammen leben können. Sie hätte ihn vermutlich, sofern dies überhaupt noch möglich war, in den Wahnsinn getrieben.
Es musste ungefähr drei Uhr nachts sein und Manolo saß seit bereits sechs Stunden vor dem Fernseher und spielte diverse Videospiele. Anatol war schon vor längerer Zeit abgehauen, da er hatte Arbeiten gehen müssen. Es war schon dämlich gelaufen, dachte Manolo. Sein Freund war angekommen, dann hatten sie ein paar Stunden herumgegammelt, dann war Manolo eingeschlafen und erst nach 10 Stunden wieder aufgewacht, wärend Anatol noch geschlafen hatte. Als dieser schließlich aufwachte, hatte er nur noch genügend Zeit für einen Kaffe gehabt und hatte gehen müssen. Eigentlich, so überlegte sich Manolo, würde er viel mehr Spaß am Leben haben, wenn er ein paar Stunden weniger am Stück schliefe. Diese Idee war völlig neu für ihn und doch hatte sie ihn sofort übermannt. Er pausierte das Spiel und machte sich auf die Suche nach seinem Wecker, welchen er letztendlich dort fand, wo er ihn am wenigsten vermutet hatte: neben seinem Bett auf dem Nachtschränkchen. Er stellte ihn auf die Uhrzeit, um die er losgehen musste, um rechtzeitig zur Schule zu gelangen, aber nicht, damit er ihn wach klingelte, sondern damit er ihn sagte: „Manolo, geh‘ zur Schule!“. Nicht, dass sich irgendetwas bessern sollte, nein, er hatte generell vor gehabt, zur Schule zu gehen, damit er noch etwas vom Stoff mitbekam für nächstes Jahr und damit er nicht wegen zu hoher Fehlzeiten verwiesen wurde. Er stellte den Wecker auf seinen Fernseher und spielte weiter.

Der Wecker klingelte und grelle Blitze zuckten durch Manolos Blickfeld. Er erschrak so heftig, dass er den Controller fallen ließ.
"Was zum...!?" Er machte den Wecker aus und sah auf das Ziffernblatt. "So schnell vergehen drei Stunden?"
Zügig zog er sich Socken und Schuhe an, warf sich den Mantel über, nahm sich seine Tasche und machte sich auf den Weg. Welche Fächer er heute haben würde, das wusste er nicht und es interessierte ihn auch nicht. Meist war es völlig zureichend, wenn man einen Block und einen Kugelschreiber mitbrachte.
Eine Minute später befand er sich auf der Allee, welche er diesmal komplett entlang ging, anstatt ins Dickicht zu verschwinden. Er kam nun auf eine größere Straße. Es war grässlich. Es war noch ziemlich dunkel und so nahmen ihm Straßenlaternen hier und Autoscheinwerfer dort die sicht, stachen ihm schmerzhaft ins Hirn. Der einzige Punkt, an den er sich halten konnte, ohne geblendet zu werden, war der Boden. Und so war er gezwungen, mit gesenktem Haupt zu gehen, wie ein Häufchen Elend. Dabei fühlte er sich fit wie eh und je. Schließlich erreichte er die Bushaltestelle und lehnte sich an die Glasscheibe. Es war kein einziger Schüler hier und in diesem Moment fuhr auch kein Auto vorüber, die einzige Person, die hier war, war ein Mann mit einem überlangen Mantel, die Kapuze über den Kopf gezogen, der auf einem der Sitze saß und in der Tageszeitung blätterte. Manolo sah ihn einen Moment an und fühlte sich dabei an die Gestalt mit dem Stab erinnert.
"Was starrst du so gedankenverloren durch mich hindurch?" Sprach er plötzlich und Manolo erstarrte vor Schreck.
"Hast du vor, mich wieder mit Gemüse zu bewerfen?"
Manolo trat von ihm zurück, seine Knie zitterten.
"Willst du etwa wegrennen?", sprach die seidig-glatte Stimme, wärend der Mann umblätterte und sich nicht anders zu verhalten schien, als bisher. War es vielleicht nur eine Einbildung? War die Stimme vielleicht nur in seinem Kopf? Er konnte es nicht sein.
"W- was reden sie da?", fragte Manolo mit zittriger Stimme, wärend er näher kam und versuchte, dem Mann von vorn in die Kapuze zu schauen. Der Mann knautschte die Zeitung plötzlich in den Fäusten zusammen und starrte direkt in Manolos Augen. Zumindest glaubte er es, denn das Gesicht war in der Dunkelheit nicht einmal ansatzweise zu erkennen. Manolo zuckte krampfartig zusammen.
"Alles okay? Brauchst du einen Arzt?" Der Mann stand auf und griff in seine Hosentasche, offenbar um ein Handy heraus zu holen. Im Licht eines vorbeifahrenden Autos konnte Manolo nun das Gesicht des Mannes sehen und fasste sich wieder.
"Nein, es ist alles ok."
Das laute Jaulen des Motors kündigte die Ankunft des Busses an. Mit kräftigem Zischen öffneten sich die Türen und Manolo stieg ein. Ohne auch nur nachzusehen, ob ein Sitzplatz frei war, lehnte er sich an die Scheibe gegenüber der Türe, welche sich nun mit einem weiteren Zischen schloss. Sobald der Bus angefahren war nahm Manolo nur noch ein optisches Rauschen wahr. Ein Sturm von schwarzen und weißen Punkten, der durch sein Sichtfeld wirbelte. Jeder andere Mensch wäre bei solcherlei Empfindungen rasend geworden, aber Manolo hatte sich an sie gewöhnt, nein, eigentlich hatte er sie schon immer als normal empfunden. Er dachte nicht einmal darüber nach. Ebenso wenig, wie wir uns darüber wundern, dass wir unsere Umwelt in Form von elektromagnetischer Strahlung unterschiedlicher Wellenlängen farbig wahrnehmen, wunderte er sich darüber, dass Schallwellen seine visuellen Reize stimulierten und dass Gerüche und Geschmäcker in seinem Hirn Geräusche auslösten. Ebenso normal war es für ihn auch immer wieder, diese Reize gezielt auszunutzen und mit ihrer Hilfe in seinen Gedanken eine ganz eigene Welt zu erschaffen, die nur er erreichen konnte. Zugegebenermaßen waren die Resultate nicht immer ganz das, was er hatte erzielen wollen, doch eben dadurch erlebte er manchmal aufregende Abenteuer, die sein einsames Leben in völliger Diskretion, abrundeten.

Als Manolo das Schulgelände erreicht hatte, setzte er sich über die riesige Menge von Schülern hinweg, betrat das Gebäude, suchte umgehend den Klassenraum auf und wartete dort darauf, dass der Unterricht beginne. Der Boden des Korridores bestand aus einer Art von grünem Plastik mit runden Noppen, in denen sich das Licht der Neonröhren spiegelte. Die rotbraunen Sandsteinwände waren Teils mit Schmierereien bedeckt, Teils mit schäbigen Ergüssen der Kunstklassen "dekoriert" und so wie diesen Korridor konnte man sich auch den Rest der Schule vorstellen; es war ein schäbiger Ort, der weder zum Lernen einlud, noch auf irgendeine Weise heimisch, oder einladend wirkte.
Manolo hatte sich auf dem Noppenboden niedergelassen und wartete vor sich hin. Der Korridor war wie ausgestorben, und bis auf das Glucksen, welches manchmal aus einer der Heizungen ertönte war auch nichts zu hören. Manolo war durchaus dankbar dafür, es war wie eine Ruhepause, wenn man den ganzen Tag gearbeitet hatte.
Quietschend öffnete sich die Türe des Korridores und ein unauffälliges Mädchen trat ein. Anna hieß sie. Sie trug eine einfache graue Jacke, Jeans, und eben so Schuhe, die man trägt. Es gab einfach nichts nennenswertes an ihr. Na, doch, sie trug eine Brille und hatte wild gelockte, dunkelblonde Haare und war relativ hübsch, was jedoch durch ihre Unauffälligkeit wett gemacht wurde. Schlurfend durchquerte sie den Gang, setzte sich dann, mit einem "Morgen.", Manolo gegenüber hin.
"Jo." Entgegnete dieser unfreundlich.
"Wo warst du?"
"Zuhause."
"...aber warum?"
"Weil ich keine Lust hatte zu kommen?"
"Aber wir haben schon eine Arbeit geschrieben."
"Ich wusste es nicht mehr genau, ob wir sie schreiben, also dachte ich, ich bleibe vorsichtshalber Zuhause."
Sie schwieg einen Moment, dann kicherte sie amüsiert. Sie musste ihn wohl sehr lustig finden, so dachte Manolo und er musste ihr insgeheim zustimmen, denn er fand das auch. Sicherlich war sie hoffnungslos in ihn verschossen.
"Du weißt aber auch, dass wir heute noch eine Arbeit schreiben?"
Manolo nahm nun seinen Blick von dem hässlichen Wasserfarbenbild, welches er nicht einmal angesehen hatte, denn er hatte es einfach nur als einzigen Anhaltspunkt in seinem Sichtfeld gesehen und sich daran geheftet, damit sein Blick nicht andauernd durch die Gegend huschte und starrte nun durch den hübschen Kopf seiner Mitschülerin hindurch.
"Nö, wusste ich nicht." Antwortete er ungerührt.
"Wirtschaft." Sagte sie, als hätte Manolo sie danach gefragt.
Aus irgendeiner Laune der Natur heraus spielte plötzlich ein Lächeln um sein Gesicht. Obwohl er sich zurecht von seinen Klassenkameraden zurückzog und Niemand auch nur im Geringsten etwas mit ihm anfangen konnte, versuchte dieses Mädchen, nett zu sein und mit ihm zu reden. Sie war anders als die Anderen und schon allein deshalb, so befand Manolo, hatte sie ein freundliches Lächeln verdient. Sie schloss kurz die Augen und lächelte verschmitzt zurück.
"Hast du dir den Stoff besorgt und dafür gelernt?", fragte sie dann plötzlich, anscheinend um die Stille zu durchbrechen.
Manolos Lächeln erstarb und sein Blick wanderte wieder zu dem billigen Wasserfarbenbild.

In der Klasse war es ziemlich ruhig. Alle saßen still arbeitend da, den Klassentest vor sich liegend. Manolo hatte sich alle Fragen mehrmals durchgelesen und war gerade dabei, eine Antwort für die Erste zu finden.
"Was verstehen wir unter 'Verjährung' und wie lange dauert im Normalfall die Verjährungsfrist?"
Er setzte den Kugelschreiber an und schrieb: "Unter Verjährung verstehen wir", dann setzte er ab, überlegte einen Augenblick, schrieb dann seinen Namen auf das Arbeitsblatt. Dann überlegt er erneut einen Moment, dann noch einen, bis er nach etwa fünf Minuten ein riesiges Fragezeichen über das Blatt schmierte, nach vorn ging und die Arbeit seinem Lehrer überreichte. Er ging zu seinem Platz zurück, nahm seine Sachen und bewegte sich still zur Türe. All seine Klassenkameraden sahen ihn verstört an und als er gerade die Türe öffnete, um zu gehen meldete sich sein Lehrer zu wort: "Ähm... Herrn Mas, ich würde sie gerne nach dem Unterricht sprechen."
Manolo hielt inne und antwortete, ohne sich umzudrehen: "Ich wüsste nicht, was es da zu besprechen gäbe."
"Herrn Mas, wenn sie so weiter machen, äh... nun, dann sehe ich für ihre Zukunft schwarz."
Manolo drehte sich nun doch um und schloss die Türe wieder.
"Also bisher habe ich es immer noch geschafft." Die Mitschüler lachten abwertend, nur Anna blieb still. "Und wenn ich ausnahmsweise ein Jahr sitzen bleibe, stört mich das keinesfalls.", fuhr er fort.
Der Lehrer krampfte sein Gesicht zusammen, als habe er entsetzliche Kopfschmerzen und rieb sich mit den Fingern über die Stirn. Er sah aus wie ein sehr gestresster Geschäftsmann, der in seinem Büro vor einem gigantischen Stapel von Papierkram saß.
"Nun, äh, Herrn Mas, ich habe bereits die Schulleitung auf sie angesprochen und wenn sie ihre Einstellung zur Schule nicht bald ändern, dann fürchte ich, dass sie sich das nächste Jahr getrost abschminken können."
Manolos Gesichtsausdruck blieb unverändert, na gut, er hatte sowieso schon ziemlich düster ausgesehen. Er nickte, machte auf dem Absatz kehrt und verließ den Raum. Die Türe fiel sanft ins Schloss.
"Boah, Manolo ist so ein Absturz!" Tönte es aus einer der hinteren Reihen. Der Lehrer schob Manolos Arbeit so weit von sich weg, wie es ging und versuchte, sie ja nicht anzusehen.



Kapitel 3

Manolo streifte durch ein saftig-grünes Wiesenland. In seiner linken Hand hielt er einen Kompaß und in seiner rechten Hand hielt er einen mit hübschen Ornamenten und Schnitzereien verzierten Wanderstock, gekleidet war er in ein wundervolles, seidenes Gewand. Die Bäume spendeten den Schatten, der eigentlich nicht nötig war, denn das goldene Sonnenlicht brannte nicht auf der Haut, vielmehr streichelte es sie wie es warmes Badewasser tut. Wundersame Pilze aller Größen, Farben und Formen sprossen hie und dort aus dem Boden hervor und kleine fliegende Tiere umkreisten Manolo leise quiekend. Ihre Flügel glichen denen von Schmetterlingen, ihre Körper jedoch ähnelten denen von Katzen, Hunden, teilweise auch denen von Mäusen, Frettchen oder gar Maulwürfen.
Manolo spürte ein seltsames Gefühl in der Magengegend. Es war ein Gefühl, das er sonst niemals hatte. Es war wohlig und warm, durchströmte seinen Körper bis in die Finger- und Zehenspitzen. Sein Kopf fühlte sich leicht schummrig an. Er wollte zu gerne wissen, wodurch dieses Gefühl ausgelöst wurde. Er musste diese Welt verlassen, um es herauszufinden, das wusste er. Er sah den fliegenden Tieren nach, die sich gegenseitig haschten und miteinander spielten, dann hob er seinen Stab, schloss die Augen und eine glühende Fontäne brach daraus hervor. Die Flügel eines ganzen Schwarms zerstoben zu einer Wolke von Funken und die Tiere verloren ihr Fell und fielen fleischig und nackt zu Boden. Er wiederholte dies einige male und tötete sie, tötete sie alle.
Plötzlich regten sich die leblosen Fleischtierchen und bewegten sich auf einen der Bäume zu. Sie erreichten ihn, sammelten sich um ihn und schienen mit ihm zu verschmelzen. Eine Art Haut bildete sich um die Rinde des Baumes, Tentakel schossen aus ihr hervor und die Äste begannen wild um sich zu schlagen. Plötzlich brach der Boden unter Manolos Füßen ein und er stürzte hinab in ein Gewirr aus Muskelartigen Wurzeln, die nach ihm Schlugen und versuchten, ihn zu fassen. Er blieb mitten in der Luft stehen und streckte die Arme von sich. Eine weißliche Aura umgab ihn. Die Wurzelarme wichen ängstlich zurück, als Manolo seine Gliedmaßen zu sich heran zog. Nun streckte er sie ruckartig von sich und eine Druckwelle aus eisiger Energie breitete sich von ihm ausgehend aus. Die Wurzeln erstarrten zu einem riesigen kristallinen Spinnennetz. Der strahlende Zauberer Manolo ließ sich auf einer von ihnen nieder und wartete ab. Plötzlich schien das Wurzelnetz zu beben, ehe es in tausend Teile zersprang und in sich zusammen sackte. Er stürzte in ein schwarzes Nichts.

Manolo öffnete die Augen und sah sich um. Er befand sich in seinem Zimmer, auf seinem Bett. Er wollte sich aufsetzen, doch irgendetwas hinderte ihn daran. Es war ein warmer Gegenstand, der zusammengerollt auf ihm lag. Er wollte ihn mit einem Arm zur Seite schieben, doch er war viel zu schwer. Er besah sich des Gegenstandes genauer und stellte fest, dass es sich dabei um einen Menschen handelte. Es schien ein weiblicher Mensch zu sein und er hatte lockiges, dunkelblondes Haar. Außerdem war er nackt. ‚Nein!‘, dachte sich Manolo, ‚Das kann nicht sein!‘ Ihr Kopf war sanft auf seine warme Brust gebettet und ihre Hände hielten seinen Arm in zärtlicher Umarmung gefangen. Er befreite seinen Arm, ohne sie zu wecken, schob sie sanft von sich weg und hob ihren Kopf leicht an.
‚Nein!‘ - Es war Anna, seine Klassenkameradin. ‚Das kann nur ein Traum sein!‘, dachte er sich, ‚Und zwar ein ziemlich schlechter!‘
“Mhhhhh...” Entfuhr es ihr und sie begann sich zu regen. Manolo war sehr gespannt, wie sie reagieren würde, wenn sie ihn sah. Vielleicht würde sie erschrecken und laut aufschreien, so wie es in einem Film gewesen wäre. Sie öffnete ihre Augen und erblickte den zotteligen Mann mit dem stechenden Blick. Jetzt war der Moment des Erwachens um. Jetzt würde sie ihn wahrnehmen und laut aufschreien. Sie blinzelte. Sie würde vor Schreck vom Bett fallen, ihre Blöße bedecken, ihre Klamotten eilig zusammen suchen und aus der Wohnung stürmen.
“Mmmmm...” Machte sie und richtete sich auf. “Manolo.” Sagte sie mit einem verliebt schläfrigen Ton. Nun war es Manolo, der erschrak und der aus dem Bett gefallen wäre, wenn das Mädchen nicht auf seinen Beinen gesessen hätte. Hatte er getrunken? Hatte er irgendwelche Drogen genommen? Was zur Hölle war passiert? Verwirrt betrachtete Anna sein blasses, erschrockenes Gesicht. Angst keimte in ihr auf.
“Was... was ist los?” Fragte sie mit zittriger und dünner Stimme.
Manolo brauchte einen Moment, bis er das in Worte fassen konnte, was er gerade dachte:
“Wie kann ein Tag, der so gut beginnt in einem so kurzen Moment zum schlimmsten Tag meines Lebens werden!?”
Anna starrte ihn an, zuerst schockiert, dann begann ihre Unterlippe zu beben und sich drehte ihr Gesicht weg. Sie stieg von ihm, suchte leise weinend ihre Sachen zusammen, zog sich an und verließ die Wohnung. Manolo sah ihr verblüfft nach, starrte noch mehrere Minuten auf die Tür, bis er sich stöhnend wieder zurücklegte und sich die Decke über zog.

Leerzeichen. Manolo überlegte. Wie lautete Anatols Nummer? Er hatte schon so oft mit ihm telefoniert und doch wollte sie ihm nicht einfallen. Gedankenverloren ließ er den Finger sanft über die Wählscheibe des altmodischen Telefons gleiten. Schließlich legte er den Hörer auf die Gabel und starrte den Apparat einige Sekunden still an. Na klar! Im Internet konnte er das Telefonbuch einsehen, dort würde er die Nummer finden. Er schleppte sich hinüber zum Computer, welcher wie so ziemlich immer angeschaltet war und griff nach der Maus, welche er dann einmal kreisen ließ. Mit einem leisen Knistern erschien der Desktop auf dem vorher schwarzen Bildschirm, auf welchem eine Art düstere Fantasielandschaft abgebildet war. Er verschaffte sich Zugang zum Internet, wählte die Seite des Telefonbuches und tippte Namen und Stadt ein, dann bestätigte er seine Eingaben. Nichts. Verdutzt klickte er zurück und überprüfte seine Angaben nochmals. Er hatte keinen Fehler gemacht. Schließlich hatte er dann auch keine Lust mehr, mit Anatol zu telefonieren und schlenderte hinüber zur Kaffeemaschine. Irgendwann in nächster Zeit würde sich sein Freund ohnehin einmal wieder melden. Er nahm einen Filter aus der kleinen Drahthalterung, welche direkt an der Maschine angebracht war, knickte seine Nähte einmal um, da sie sonst so leicht einrissen, packte ihn in das Gerät und schaufelte vier große Kaffeelöffel hinein. Dann nahm er die kleine Glaskanne heraus, in welcher schon abgemessen das Wasser für sechs Tassen ruhte und goss es in den Wassertank der Kaffeemaschine und schaltete diese letztendlich an. Eine benutzte Tasse stand noch herum und er schnappte sich Tasse und Maschine, nahm Beides mit zu seinem Sessel und ließ sich nieder. Er nahm die Fernbedienung und schaltete den Fernseher an. Er glotzte, als hätte Jemand sein Hirn geklaut. Einige Zeit später glotzte er wie ein Hirnloser mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Schließlich glotzte er wie ein Hirnloser, der genug von Kaffee hatte und bemerkte, dass er aufs Klo müsse. Stöhnend wuchtete er seinen Körper hoch und schleppte ihn ins Badezimmer.
Als er kurze Zeit später am Waschbecken seine Hände wusch stieg ihm ein fauliger Geruch in die Nase. Für einen Moment fragte er sich, ob es sein eigener Körpergeruch war, doch er hatte vor wenigen Stunden erst geduscht. Sofort wusste er, woher der Duft rührte.
"Was willst du?", raunzte er und starrte das weiße Mädchen missgelaunt an.
Es stand da, direkt neben seinem Spiegelbild und trotz der kalten, weißen Augen sah es traurig aus. Was Manolo garnicht direkt auffiel war, dass das Krokodil fehlte.
"Sie ist weg...", Sagte sie so tonlos wie eh und je. Manolo überlegte, dann zog er die Augenbrauen hoch; eine Regung, die man bei ihm selten sah.
"Dein Krokodil..." Er hielt inne und trocknete seine Hände ab. "Wo ist es denn?"
"Agatha ist fort gegangen. Das heißt, wir werden alle sterben."
"Was redest du da? Du bist doch schon tot, oder?"
Plötzlich verkrampfe sich das Gesicht des Mädchens und sie starrte ihm wütend direkt in die Augen, zumindest sah es danach aus, schließlich hatte sie keine sichtbaren Pupillen. Ein stechender Schmerz durchfuhr Manolos Brustkorb. Er krampfte sich zusammen, taumelte zurück und stieß gegen die Badewanne, in welche er auch sogleich stürzte. Zu seiner großen Verwunderung war sie gefüllt mit eiskaltem Wasser. Schnaufend richtete er sich auf und starrte geradewegs in das aufgedunsene, weiße Gesicht des kleinen Mädchens, das plötzlich direkt vor ihm in Raum stand.
"Sehe ich tot aus für dich!?"

Das Badezimmer hatte eine Türe bekommen. Nun, zumindest einen Vorhang. Sagen wir, ein Handtuch, welches mit Panzertape am Türrahmen befestigt war. Dass Geister, die in der Spiegelwelt lebten auch in die reale Welt kommen konnten, war neu für Manolo. Er hatte sich vorgenommen, weniger zu sich zu nehmen, um weniger oft zur Toilette zu müssen. Er bemühte sich auch, nur in der Schule das Klo zu besuchen. Ja, Manolo hatte Angst. Ängstlich saß er da im Sessel und wartete. Worauf? Auf Anatol. Er wollte mit ihm sprechen. Er war das Einzige, was noch normal zu sein schien. Schließlich hielt er es nicht mehr aus. Er verließ die Wohnung und ging hinaus ins Freie. Dieses Mal freiwillig, ohne irgendeiner Beschäftigung nachgehen zu müssen.
Die Sonne wirkte genauso freundlich, wie immer. Manolo war im Grunde ein Wind- und Wettermensch. Ob es nun regnete, schneite oder Stürmte, das Wetter hatte keinen Einfluss auf seinen Gemütszustand. Doch die Sonne war ja nunmal auch eine Art Symbol. Ein Symbol für das Gute, für das Wohlwollende. Er ging die Allee entwas entlang, bis er eine Bank fand, auf welcher er sich sogleich nieder ließ. Er beobachtete völlig zerstreut wie eine kleine Ameise über den Pflasterstein krabbelte, sich in eine Spalte flüchtete und in einem winzigen Erdloch verschwand. Sie benahm sich wie ein winziger Manolo mit Fühlern. Manolo hockte sich hin und nahm einen dünnen Zweig auf. Er begann im Ameisennest herum zu stochern, drang gewaltsam in die Welt der kleinen Insekten ein. Und prompt schlugen sie zurück; sie schossen wie eine schwarze Welle hervor, den Zweig hinauf und Manolo beobachtete geduldig, wie sie an seinem Arm hinauf kletterten. Er konnte in ihre welt eindringen, aber sie konnten genauso in seine. Konnte er dies vielleicht auf sein Problem mit den Spiegeln übertragen? Wenn ein Geist aus dem Spiegel zu ihm in die Wohnung kommen konnte, konnte er dann nicht vielleicht auch in den Spiegel? Er ärgerte sich gerade über seine eigene Dummheit. Wahrscheinlich bildete er sich zum Schluss die Geister nur ein und sie existierten garnicht, so dachte er. Brennender Schmerz riss ihn aus seinen Gedanken. Die Ameisen hatten sein Handgelenk mittlerweile in eine Mondlandschaft verwandelt. Eilig strich er die kleinen Biester von seinem Arm, dann stand er auf und wollte gehen. Vermutlich würde Anatol bald anrufen und er würde ihn verpassen. Er hielt inne.
Konnte er nicht genau wie eine Ameise aus ihrem Nest, aus seinem Badezimmer in das Badezimmer im Spiegel und wie die Ameisen mit ihrer Säure, mit einem Küchenmesser um sein Überleben kämpfen? War das nicht genauso, wie das, was er in seinen Traumreisen tat? Natürlich nicht. Es war ein Fakt, dass ein Spiegel ein festes, undurchdringliches Objekt war. Zügigen Schrittes machte er sich zu seiner Wohnung auf.

Kalter Kaffee kitzelte Manolos Gaumen. Ein letzter Schluck. Er stellte die Tasse ab und näherte sich dem Türrahmen, der immer noch mit mit einem Handtuch abgedeckt war, reckte die Hand danach und hielt einen Moment inne. Ein seltsamer Strudel hatte seine Sinne gepackt und durcheinander gewirbelt. Seine Panik erzeugte einen beißenden Geruch von Schwefelwasserstoff, aus welchem ein kreischendes Geräusch wie tausend Metallsägen resultierte, welches seine Augen wie gleißende Lichtspeere durchstieß. Der einzige Ausweg war, die Angst zu überwinden. Und so packte er das Handtuch, atmete tief durch und riss es herunter.
Vor ihm lag das vertraute, in kaltem Weiß gehaltene Badezimmer, mit seinen glänzenden sanitären Einrichtungen und dem kitschigen, türkisen Teppich. Das Kreischen erstarb, der Geruch von ekelerregenden Chemikalien war verschwunden und die Sicht war wieder frei. Manolo trat sicheren Schrittes ein, seine Unsicherheit war einem Gefühl von arglistiger und selbstsicherer Tatkraft gewichen. Mit einem gemeinen Grinsen drehte er den Wasserhahn auf. Er machte kehrt und drehte auch den Hahn der Badewanne auf. Triumphierend sah er in den Spiegel und erblickte sogleich das ertrunkene Mädchen.
"Was tust du da?", fragte sie und ihre Stimme hatte tatsächlich einen anklagenden Unterton.
"Wonach sieht es denn aus?", entgegnete Manolo, wärend er genüsslich den Zeigefinger in den Wasserstrahl hielt.
"Adina will das nicht. Lass' es!"
"Dein Krokodil ist doch weg, oder?"
Das Mädchen begann zu beben, ihre Augen waren weit aufgerissen und sie öffnete ihren Mund. Ihre grüne Zunge kreiste wild und leckte ihre Lippen. Manolo stieg die Hitze in den Kopf, sein Gesicht fühlte sich beinahe so an, als würde es verbrennen und er wäre beinahe erneut in die Wanne gefallen, als die Zunge plötzlich ihre Kiefer sprengte und bis zum Boden hinab reichte; es war keine grüne Zunge, sondern der Schwanz eines Krokodils. Ihr Kleid begann sich zu wölben, geradezu so, als sei sie schwanger. Manolo wirbelte herum und rannte zurück ins Wohnzimmer, wobei er über ein größeres Müllteil stolperte und der Länge nach hin schlug. Er wälzte sich auf den Rücken und starrte, die Schürfwunde an seinem Kinn völlig ignorierend, auf den Türrahmen, an welchen sich das Mädchen festklammerte, aus dessen Torso der Vorderkörper eines überdimensionierten Flusskrokodils ragte. Die grüne "Zunge" schlug erregt durch die Luft, wärend das Maul des Krokodils sich gierig nach Manolo reckte, welcher nun völlig vor Angst erstarrt da lag. Gurgelnde Worte drangen von irgendwo an sein Ohr:
"Komm' mit in meine Welt!"
Manolos Sicht war wie von einer schwarzen Wand verdeckt und das Letzte, was er spürte, waren Zähne, die sich in seine Brust gruben.

Der schwarze Schleier lichtete sich. Manolo fand sich auf dem Naturpflaster der Allee nahe seiner Wohnung wieder; so dachte er zumindest. Irgendetwas lief mächtig schief. Obwohl es sich eindeutig so anfühlte und in den Augen eines Unbeteiligten zweifellos danach aussah, schien die Straße nicht dieselbe zu sein, wie sonst. Selbst die Abendsonne schien anders zu scheinen, als sonst. Manolo ging sie einmal entlang, auf der Suche nach seiner Wohnung, ein zweites Mal folgte und schließlich blieb sein Blick an einem Haus hängen.
Es war ein schäbiges Haus mit schwarz verfärbten Wänden, mehrere Stockwerke hatte es und die untersten waren von Efeu ummantelt, kein einziges Stück Dekoration verschandelte den Garten; es war sein Haus, und alles war so wie immer. Der einzige Grund, warum er es nicht erkannt hatte, war die Tatsache, dass alles spiegelverkehrt war. So ganz konnte Manolo dies noch nicht begreifen. Vielleicht war er jetzt komplett verrückt geworden? Hätte er nicht eigentlich in seinem Wohnzimmer liegen müssen? Und hätte nicht alles standardmäßig an seinem Platz stehen müssen?
Er kramte in seiner Tasche und zog seinen Haustürschlüssel heraus. Er trat an die Türe heran und steckte ihn ins Schlüsselloch. Der Schlüssel ging ein paar Millimeter tief ins Schloss, dann verhakte er sich und blieb stecken.
"Das Schloss...", entfuhr es Manolo, "Es ist spiegelverkehrt!"
Er zog den Schlüssel und steckte ihn in seine Tasche. Lange zeit verharrte er. Er wusste genau, was er tun wollte, doch er musste über die Konsequenzen nachdenken, sich auf das vorbereiten, was ihn erwartete. Schließlich hob er die Hand, und führte sie zum Klingelknopf oben Links, zuckte jedoch zurück. Er hatte beinahe vergessen, dass alles nun spiegelverkehrt war. Er drückte nun den Knopf oben Rechts. Er wartete einen Moment. Ein heißes Kribbeln setzte an seinem Hals an und stieg langsam sein Gesicht hinauf. Die Ungewissheit war in seinen Bauch geklettert und hatte sich in seinen Magen verbissen, riss ihn hin und her und drehte sich wie ein Alligator, der seine Beute zerfetzt. Ein optisches Rauschen aller Farben der Nacht blendete Manolo. Zeit verging und schließlich beschloss er, dass es ohnehin besser sei, er würde von Dannen ziehen. Offensichtlich war ja ohnehin keiner da. Wer denn auch? Er selbst war es, der da wohnte. Wer sonst? Dies konnte nur ein verrückter Traum sein, und er würde einfach aus ihm fliehen. In Wirklichkeit jedoch, und das wusste Manolo genau, hatte er bloß Angst und suchte eine Ausrede, um ohne ein schlechtes Gewissen gehen zu können.
Katzenkrallen aus dem grellsten List verhakten sich in seinen Augen; der Summer der Türe ertönte. Er summte eine Sekunde. Er summte zwei Sekunden. Er summte drei, vier, fünf Sekunden. Manolo schlotterte am ganzen Leib, dann stemmte er sich aber gegen die Türe und betrat den Treppenturm. Die Türe fiel hinter ihm ins Schloss und ließ ihn heftig zusammenzucken.
Er schritt langsam auf die Treppe zu, den Blick stets auf den Boden gerichtet, einen Fuß vor den Anderen setzend. Dann spürte er nur noch, wie die Stufen unter ihm hinweg zogen. Über Stunden, so schien es ihm.
Dann stand er vor der verschlossenen Wohnungstür und erneut hieß es Warten. Durch den Türschlitz fiel schummriges Licht, welches den Boden des ansonsten völlig dusteren Flures spärlich erhellte. Manolos Beine zitterten so stark, dass er beinahe befürchtete, hin zu fallen. Schatten bewegten sich im Licht; der Bewohner von Manolos Wohnung stand auf der anderen Seite der Tür. Die Klinke wurde herunter gedrückt, und sie öffnete sich. Der Flur wurde mit gelblichem Licht geflutet und die Silhouette der Person hob sich dunkel dagegen ab. Manolo durchfuhr eine Welle aus Schmerzen, ließ ihn seine Hände zu Fäusten krampfen und die Augen zu kneifen.
"DU!?" Stieß er hervor und sank auf die Knie.


Kapitel 4

Anatol schien nicht minder überrascht zu sein.
"Was tust du hier? Hab' garnicht mit dir gerechnet.", murmelte er.
Manolo sprang auf und packte ihn am Hals. Er quetscht seinen Kehlkopf so fest, dass er bald tot sein würde, wenn er sich nicht befreien konnte. Gurgelnde Laute von sich gebend schlug Anatol wild um sich, sein Gesicht war von Adern übersät und nahm langsam ein dunkles Blau an. Seine Augen waren vor purem Entsetzen weit geöffnet, sein Mund war seltsam verzerrt. Manolos Herz raste und sein Magen schien Salti zu schlagen, bis er plötzlich los ließ und sich in seinem Wohnzimmer wieder fand. Er stand da und rang nach Luft, fast so, als hätte man ihn gewürgt. Er ließ sich auf den Sessel fallen und schnaufte laut. Was hatte das alles zu bedeuten? Manolo hatte für einen Moment überlegt, darüber nachzudenken, da war ihm wieder das Krokodil eingefallen. In diesem Zusammenhang fiel ihm nun das Plätschern auf, das aus dem Badezimmer zu ihm herüber drang und mit zittrigen Beinen erhob er sich. Er watete durch die Berge aus Müll und erreichte das Waschbecken, wo er in einer Pfütze stehen blieb. Nach mehreren prüfenden Blicken in den Spiegel und auch sonst überall hin stellte er das Wasser ab, ging zurück in die Wohnung und begann Kaffee zu kochen. Wärend die Maschine knisternd und gurgelnd begann, den Kaffee aus zu pissen, schnappte sich Manolo das Telefon und setzte sich vor den PC. Er durchstöberte das Telefonbuch und fand die Nummer, die er suchte. Er tippte sie auf dem Telefon ein und wartete gespannt. Tuuut. Er überlegte sich, was er sagen sollte. Tuuut. Er wischte sich eine Strähne aus dem Gesicht und überlegte sich, ob er nicht sagen wollte: "Hallo, ich bin's, Manolo. Hast du Lust, auf einen Kaffee vorbei zu kommen?" Nach dem dritten Tuten wurde der Hörer abgenommen. "Hallo?", fragte Annas Stimme. "Hallo, ich bin's, Manolo. Hast du Lust, auf einen Kaffee vorbei zu kommen?" antwortete er.
Einen Moment herrschte totale Stille bis auf das leiste Knistern des Telefons, welches kleine graue Pünktchen über Manolos Augen hetzte.
"Weisst du...", fügte Manolo hinzu "ich wollte dir vielleicht ein paar Fragen stellen und so..." Er merkte bei dieser Gelegenheit wieder einmal, wie schlecht er mit anderen Menschen umgehen konnte. Schließlich bekam er aber doch noch die Kurve:
"Anna, es tut mir wirklich Leid, falls ich dich auf irgendeine Weise verletzt haben sollte." Für einen Moment meinte Manolo, eine leise Stimme in seinem Kopf zu hören, die flüsterte: "Lügner!" Er fuhr fort.
"Ich weiß nicht, was mit mir los ist, aber vielleicht können wir uns gegenseitig helfen, uns besser zu verstehen, wenn du herkommst."
"Alles klar.", antwortete Anna nur mit teils verwunderter, teils verachtender Stimme und legte auf. Manolo tat es ihr gleich, hockte sich vor seine Kaffeemaschine und beobachtete, wie der dunkelgelbe Rinnsal in die tiefschwarze Flüssigkeit mündete. 'Ich hab' mich garnicht so blöd angestellt.', dachte er sich.

Die Türe öffnete sich und das Mädchen mit dem wuscheligen Haar und der Brille stand mit leicht ängstlichem Blick da, gerade so, als würde sie in der Wohnung die Mafia erwarten. Einen Moment standen sie und Manolo da und sahen sich verwirrt an. Manolo wusste nicht, worauf sie wartete und so wartete sie vergeblich, bis sie schließlich fragte:
"Darf ich 'rein kommen?"
Manolo sah sie noch verwirrter an.
"Ich hab' dich doch selbst eingeladen.", antwortete er mit belustigter Stimme und wich etwas zur Seite, um sie ein zu lassen. Er schloss die Tür hinter ihr und bekam einen mittelschweren Schock, als er sich umdrehte und sah, wie Anna sich auf seinen Sessel setzte.
"Nein!", platzte es ihm heraus.
Anna zuckte zusammen und sah ihn verständnislos an. Manolo schloss die Augen und verkrampfte das Gesicht, als denke er angestrengt über etwas nach. Das tat er auch, denn er suchte nach einer Möglichkeit, sich herauszureden, da sein Verhalten wohl doch recht erschreckend auf andere Leute wirken musste. Er öffnete die Augen wieder und sagte:
"Achso. Schon gut, ich dachte, du...", er wedelte mit dem Zeigefinger irgendwie in ihre Richtung "...vergiss es einfach." Er grinste hohl.
Anna lächelte nervös und sah zu, wie er Tassen holte, sie mit Kaffee füllte, ihr eine in die Hand drückte, wobei sie sich kurz verbrannte, da sie nicht direkt den Henkel zu greifen bekam, und sich schließlich mit sicherem Abstand vor ihr auf den Boden setzte. Sie war nicht dumm; sie hatte durchaus verstanden, dass er den Platz auf dem Sessel hatte haben wollen. Sie überlegte, ob sie ihn nicht fragen solle, ob er sich zu ihr setzen wolle, dann entschied sie sich jedoch, dass das wohl zu aufdringlich war, außerdem war sie zu beleidigt wegen seiner Aktion neulich, als dass sie ihm so auf die Pelle hätte rücken wollen. Sie wandt sich ihrem Kaffee zu.
"Du weißt doch, dass ich ihn gerne mit Milch und Zucker trinke...", erwähnte sie beiläufig.
Manolo hätte normalerweise recht genervt reagiert, aber er wusste, dass die Situation etwas Einfühlsamkeit von seiner Seite erforderte.
"Achja... Hatte ich ganz vergessen.", entgegnete er gespielt schuldbewusst, in Wirklichkeit hatte er nie etwas davon gehört.
Jedenfalls nicht, dass er es gewusst hätte. Unsicher ging er zum Kühlschrank. Normalerweise hatte er keine... oder doch? Hatte er etwa Milch? Er öffnete ihn und fand Milch. Er hatte tatsächlich Milch. Wahnsinn.
"Ich hab' tatsächlich Milch. Wahnsinn.", sagte er verblüfft.
Anna ließ ein gespieltes Kichern vernehmen, das Manolo angewiedert zusammenfahren ließ. Er nahm den Zucker und brachte Beides Anna. Normalerweise hatte er keine Milch da, schließlich trank er seinen Kaffe stets schwarz. Manolo nahm wieder vor ihr Platz und begann, an seinem Kaffee zu nippen. Anna, die keine Ahnung hatte, was sie erwartete, sah sich einfach flüchtig in der Wohnung um und mied jeden Blickkontakt. Schließlich fragte Manolo einfach das, was ihm auf den Seele brannte.
"Also schön... Das wird sich für dich wirklich komisch anhören, aber es ist kein schlechter Scherz oder so.", begann er, "Bitte reagiere nicht agressiv oder so, ich weiß es einfach nicht besser.", er hielt einen Moment inne, "Was war da zwischen Uns?"
Annas schockierter Gesichtsausdruck hatte sicherlich nichts mit der Tatsache zu tun, dass er diese Formulierung aus irgendeiner Fernsehsendung geklaut hatte.
"Was?", fragte sie mit piepsiger und fast unhörbarer Stimme.
"Was?", fragte Manolo, der sie nicht verstanden hatte.
"Was?", fragte sie erneut.
"Du warst neulich in meiner Wohnung. Du hast auf mir gelegen, als ich aufgewacht bin. Ich weiß nicht, was vorher passiert ist."
Anna zog eine Augenbraue hoch und grinste ihn ungläubig an. Irgendwie hatte der Ausdruck etwas ironisch-sympathisches. Manolo nervte er.
"Es ist so, wie ich sage. Ich denke mal, ich hab' sowas wie 'ne psychische Störung, oder son' Blödsinn. Meine Eltern meinten immer, ich seie geisteskrank. Jedenfalls kann ich mich nicht dran erinnern, was da zwischen uns war, oder dass da etwas war."
"Du bist nicht geisteskrank, Manolo.", sagte Anna und sah ihn immernoch ungläubig, aber nun leicht verwirrt an.
"Hat dir Jemand irgendwas in den Kaffee getan?"
Er schloss die Augen und versuchte, geduldig zu bleiben, was ihm dann auch leichter fiel, als er gedacht hätte.
"Nein, ich bin so, wie immer. Ich mein's ernst. Ich hab' keine Ahnung, was da war."
"Also willst du mir damit sagen, dass du alles vergessen hast, was da zwischen uns war?!"
"Hab' ich doch gerade schon gesagt."
"Du weißt also nicht mehr, dass ich drei Tage bei dir war? Und dass wir gemeinsam Einkaufen waren? Unseren Sex hast du auch vergessen?"
Manolo wartete einige Sekunden, dann sagte er: "Jo.", und zwar aus voller Überzeugung, doch er wusste, dass das nicht ausreichen konnte.
"Ist klar!" Anna redete mittlerweile mit erhobener Stimme.
"...und wir hatten wirklich Sex?"
Anna schwieg.
"Das kann nicht sein. Ich steh' nicht auf Frauen..."
Anna schien etwas sagen zu wollen, hob aber nur die Hand ans Gesicht, machte eine Bewegung, als wolle sie eine Fliege verscheuchen und ließ sie wieder sinken. Sie schüttelte den Kopf und ihre Haare sahen aus wie ein blonder Baum, dessen Äste vom Wind bewegt werden. Wenn sich Manolo nicht täuschte, dann musste sie jeden Moment anfangen zu heulen und seine Wohnung verlassen.
"Du musst aber Recht haben. Du lagst nackt bei mir im Bett. Also... was zum Scheiß ist in mich gefahren?"
Er schien mehr mit sich selbst zu reden, als mit irgendjemand sonst im Raum.
Anna schüttelte wieder den Kopf. Sie stand, den Kaffee auf dem Sessel, auf dessen Lehne noch die Tasse gestanden hatte, verteilend, auf und ging ohne eine Gefühlsregung und ohne sich umzudrehen zur Tür und griff nach der Klinke.
"Manolo..." ,sie neigte ihren Kopf leicht zur Seite, "Du warst doch so nett... Bitte. Halt' dich in Zukunft von mir fern."
Sie verließ die Wohnung und knallte die Tür hinter sich zu.
Manolo konnte es nicht fassen.
"Sie hat meinen Sessel ruiniert!"

Mit einem Rumms verhakte sich das Fenster und eine Ladung kalten Wassers klatschte Manolo ins Gesicht. Vor Schreck zuckte er zusammen und wischte sich mit dem Ärmel durchs Gesicht. Als er sich umsah, bemerkte er Anna, die hinter ihm stand und die offensichtlich das Fenster geöffnet hatte. Sie setzte sich hin und holte Schreibzeug und Papier aus ihrer Tasche. Manolo richtete seinen Blick wieder nach vorn, wo der Lehrer die Klasse begrüßte und versuchte, ein Bisschen Smalltalk zu machen, um locker in den Unterricht zu starten. Manolo wusste nicht, ob ihm das gelang, denn er hörte nicht zu; er war zu sehr damit beschäftigt, mit einem Nagel kleine Figürchen in den Tisch zu kratzen.
War das eben ein Versehen seitens Anna gewesen, oder hatte sie sich irgendwie profilieren müssen? Wäre sie dazu in der Lage gewesen? Und vor allem: wäre sie so billig gewesen?
Der Unterricht verging relativ schnell und als Manolo gerade seine Sachen packte, wobei er selbstverständlich der Langsamste von Allen war, da kam Anna vorbei, mit einer Thermoskanne Kaffe in der Hand und es kam, wie es kommen musste; Sie stolperte und verspritzte den Kaffe über den ganzen Tisch, mitsamt Manolos Armen. Ihm war einen Moment schwarz vor Augen vor Schmerzen, doch als er wieder sehen konnte, sprang er auf und packte Anna an den Schultern.
"Jetzt hör' mir zu! Nur, weil ich irgendwas mit dir hatte, woran ich mich nicht einmal mehr erinnere, und was auch Keinen hier etwas angeht, musst du nicht versuchen, mich vor der Gemeinschaft lächerlich zu machen, oder mich meinetwegen zu töten, ok!? Ich meine, was denkst du dir denn dabei?" Einige der Klassenkameraden hatten sich bei dem Getöse umgedreht und sahen dem Schauspiel interessiert zu. Annas Augen füllten sich mit Tränen. Sie drehte ihren Kopf weg und begann, zu schluchzen. Der Lehrer kam nun herbei geeilt und meldete sich auch gleich zu Wort.
"Herrn Mas, was ist hier vorgefallen?"
"Keine Ahnung. Anna ist irgendwie gestolpert und-..." Einen Moment bleib ihm die Spucke weg. Sie war so unglaublich hässlich, wenn sie heulte.
"Da hab' ich mich etwas verbrannt.", fuhr er fort.
Hierbei ließ er von seiner Mitschülerin ab und hielt seine noch leicht dampfenden Arme hoch.
Der Lehrer nahm sich nicht einmal die Zeit, auch nur ein Wort zu Anna zu sagen, bugsierte Manolo nach draußen und führte ihn in Richtung des Sanitätsraumes weg. Ein großer, schlanker Typ mit kurzen, gestylten, schwarzen Haaren kam zu Anna hinüber und sah sie mit seinen stechenden grünen Augen an.
"Was ist los?", fragte er sie mit seiner rauchigen Stimme, "Wieso hat dich dieser Wichser so blöd angemacht?"
"Ich muss kurz zum Klo.", würgte sie nur hervor, dann verließ sie schluchzend den Klassenraum.
Franco, so lautete der Name des schwarzhaarigen Jungens sah ihr mit besorgter Miene hinterher. Schließlich schnaufte er vor Wut laut auf und trat einen Tisch um, dann verließ auch er den Raum.

Der Kaffe dampfte unberührt vor sich hin. Monolo lag, alle Viere von sich gestreckt da, auf dem Müllberg, wo eigentlich irgendwo ein Fußboden hätte sein müssen und starrte an die Decke. Laute Musik dröhnte aus den Boxen, trommelfellzerschlagend, Manolo musste es wie gleißend weißes Licht erscheinen, das ihm die Netzhaut verbrannte. Ein morbides Grinsen zierte sein Gesicht. Etwas hatte sich in ihm geregt.
Er erhob sich mit einem fast schon unmenschlichen Ächzen und bewegte sich in Richtung Wohnungstür.


Neuster Teil:


Kapitel 5

Die Diskolichter flimmerten in den Augen und die Bässe ließen die Gedärme vibrieren. Tausende schwarze Gestalten mit leichenweißen Körpern verrenkten sich und tanzten zur Elektromusik. Nadine war Eine von ihnen. Sie liebte diesen Ort und konnte sich nichts sinnvolleres vorstellen, als nahezu jeden Abend hier zu sein und zu saufen bis sie kotzte. Hier waren ihre Freunde, hier kannte sie Jeden. Sie liebte es, hier zu tanzen. Sie liebte es, hier zu saufen. Sie liebte es, sich auf dem Diskothekenklo die Seele aus dem Leib zu kotzen, und dann, wenn es ihr besser ging, weiter zu tanzen und zu saufen. Das bedeutete für sie Freiheit und das war es, was ihr Leben ausfüllte.
Ja, Freiheit war es, was ihr am wichtigsten war. Deshalb floh sie aus dem ätzenden Alltagsleben, in welchem sie sich Tag für Tag mit der Schule herumquälte und tanzte und soff und erbrach sich Nacht für Nacht. Und obwohl sie ihre perfekte Freiheit lebte, hatte sie da einen Zwang, der ihr wie ein Dorn im Hirn stach. Ein Zwang? Eine Sehnsucht vielmehr; sie brauchte Jemanden an ihrer Seite. Unbedingt wollte sie einen Mann haben, den sie lieben konnte, dem sie alles anvertrauen konnte. Sie erzählte Allen ihren Freunden, sie sei bisexuell, aber insgeheim wusste sie, dass es sich bloß um eine Lüge handle, die sie irgendwie authentischer und interessanter wirken ließ. Zumindest dachte sie das. In Wirklichkeit verhielt es sich so, dass sie jeden Abend in die Disko ging, in der Hoffnung, ihren Traumprinzen zu finden, der sie da 'raus holte, ihre Suche erfolglos blieb, sie sich aus Frust besoff und schließlich, nun, dasselbe wie jede Nacht eben tat. Doch noch ahnte sie nicht, was an diesem schicksalhaften Tag passieren würde.
Ein fester Stoß in die Brust ließ sie vor Schmerzen zusammenzucken und zu Boden stürzen. Beim Hinfallen verfing sich ihre lange, schwarze Mähne in einem Nietengürtel und ihr riss ein ganzer Büschel heraus. Sie wollte vor Schmerzen schreien, doch sie war wie gelähmt. Die Leute wichen von ihr zurück, unternahmen aber nichts. Erst einige Sekunden später packte jemand Nadine, der es vom Ellenbogenstoß schwarz vor Augen geworden war, und die nun, zu ängstlich, um aufzustehen, am Boden saß, am Arm und zog sie hoch. Sie wurde sanft gezogen und folgte, ohne Fragen zu stellen. Die Schmerzen verschwanden, als sie wie im Rausch ihnre Beine bewegte und sich blind durch die Disko bewegte. Schließlich hielten Nadine und ihr mystischer Retter, und er legte ihre Hände auf eine warme Holzfläche. Sie standen also sicher an der Bar. Sie ertaste einen Barhocker und nahm platz. Ihr war schon leicht mulmig geworden, da der Typ bisher nicht ein einziges Wort gesagt hatte.
Ein starkes Gefühl der Spannung und der Erregung war in ihr aufgekeimt. Sie erwartete Großes, ja, sie hielt es für sehr wahrscheinlich, dass er ihr geheimer Traumprinz war, und das sogar ohne überhaupt zu wissen, dass es sich überhaupt um einen Mann handelte. Die bunten Lichten begannen langsam wieder zu pulsieren und vor ihr formte sich die Silhouette eines Menschen. Er war weder besonders groß, noch sah er besonders stark nach Mann aus, und doch war es einer: Ein Mann mit hübschem Gesicht und langem, straßenköterbraunen Haar. Er sah unauffällig aus und es gab sicher viel schönere Männer, doch irgendetwas hatte er. Er versprühte einen schrecklichen Charme und strahlte eine unglaubliche Aura aus, der man sich nich entziehen konnte. Er wirkte beinahe übermenschlich, wie er da stand, klein, schmächtig, aber strahlend und wunderschön, dabei wiederum gefasst und mit kühlem Blick. Er hatte sogar fast etwas Gottartiges. In der Tat, er war ihr Traumprinz und er würde ihr gehören. Ihr allein. Sie liebte ihn, sie wollte ihn besitzen und so umklammerte und küsste sie ihn. Sie küsste ihn innig und leidenschaftlich, so wie sie es noch nie bei einem Anderen getan hatte.

Manolo und Nadine stolperten, einander fest umschlungen, in die Wohnung. Nadine war schlecht und alles drehte sich, aber trotzdem fiel ihr direkt das quasi nicht vorhandene Ordnungssystem auf; Müll, Geschirr und Papierkram, soweit das Auge reichte. So schlimm sah es nicht einmal bei ihr aus. Doch bereits wenige Sekunden später hatte sie sich daran gewöhnt und war eher damit beschäftigt, ihren Würgreiz zurück zu halten, wärend sie versuchte, sich aus Manolos Umarmung zu befreien. Schließlich ließ er sie gehen und sie stürzte ins Badezimmer, dessen Standort sie bereits beim Betreten des Raumes ausgemacht hatte. Als sie angekommen war, drehte sie sofort alle Wasserhähne auf, damit man nicht hören konnte, wie sie sich übergab. Dann kniete sie sich vor die Toilette und begann zu kotzen. Sie kotzte sich die Seele aus dem Leib. Obwohl das Wasser rauschte, konnte Nadine selbst die gurgelnden Würgelaute und das platschen in der Kloschüssel genau hören.
Ihre Augen tränten ob des Ekels, doch, wenn sie Jemand beobachtet hätte, wäre es ihm nicht aufgefallen, denn sie hatte zu weinen angefangen. Schließlich ließ der Würgreiz nach und sie sank kraftlos über der Kloschüssel zusammen. Leise schluchzend verfluchte sie sich selbst; Eine schwarze, traurige Gestalt, die heulte, wärend ihre Haare, von denen ein Büschel fehlte, in ihrem eigenen Erbrochenen hingen. Plötzlich schrak sie hoch. Das Wasser war erloschen.
Sie drehte den Kopf etwas zu Seite und erblickte Manolo, der mit erschrockenem Gesichtsausdruck am Waschbecken stand und sie misstrauisch beäugte.
Nadine zitterte und ihr wurde heiß im Gesicht.
"Manolo.", sagte sie nur.
Manolo jedoch antwortete nicht, sondern sah sie noch erschrockener und ziemlich angewidert an. Er wandte den Blick von ihr ab und dem Spiegel zu, geradezu so, als suche er etwas darin. Das Mädchen betätigte die Spülung der Toilette, einmal, zweimal. Wie wild drückte sie den Schalter, doch das Wasser konnte garnicht so schnell nach laufen.
Schließlich wandt sich der mystische Junge mit dem stechenden Blick wieder Nadine zu, welche immer hektischer die Spülung betätigte, bis sie schließlich schwer atmend aufhörte, erneut zu schluchzen begann und ihn verheult ansah.
"Jetzt hasst du mich. Ich sehe es."
Manolo schloss die Augen und sagte:
"Ich hasse nicht...", er hielt einen Moment inne, dann riss er wie ein Verrückter die Augen auf, "Ich begreife!"
Dann, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, wirbelte er herum und stürzte nach draußen.

Manolo rannte die Stufen hinab, schloss eilig die Haustüre auf und trat hinaus ins Freie. Mitten auf der Straße erwartete er ihn; Der Mann mit dem Mantel und dem stoffumwickelten Stab.
"Ich weiß jetzt alles.", zischte Manolo mit angriffslustigem Ton, "Ich weiß, was unter der Kapuze steckt. Ich weiß, wer du bist, ich weiß sogar, wer ich bin."
Der Mann drehte den stabähnlichen Gegenstand kunstvoll in der behandschuhten Hand.
"Manolo... Zu lange Zeit bist du mir davon gerannt. Zu lang hast du gebraucht, um zu verstehen."
Den Stab brachte er senkrecht vor sich zum Stehen, mit der anderen Hand griff er an die Kapuze.
"Es endet jetzt und hier."
Er riss die Kapuze zurück und Anatols schmales Gesicht kam zum Vorschein. Wieso war es Manolo nicht viel früher in den Sinn gekommen? Anna und nun dieses andere Mädchen, dessen Name er nicht einmal kannte. Er hatte nie das Verlangen nach einer Frau gehabt. Es hatte nur ein anderer Manolo gewesen sein können. Ein attraktiver Manolo, der Charme versprühte. Dann dieses kleine Mädchen. Was hatte das alles für einen Sinn? Was hätte es für eine Bedeutung in einer realen Welt gehabt?
Und Anatol. Er war so auffällig korrupt gewesen, dass Manolo vermutlich durch ihn hindurch gesehen hatte und dabei geblendet worden war. Niemals war Manolo bei ihm zuhause gewesen, niemals hatte er, Manolo ihn angerufen. Anatol hingegen hatte sich immer und immer wieder bei ihm gemeldet. Manolo hatte dies nie in Frage gestellt, doch jetzt; wie hätte man ihm jemals beweisen können, dass es Anatol wirklich gab, wenn er noch nie seinem Hirn hatte trauen können? Doch nicht das beschäftigte ihn gerade. Nicht, dass er geisteskrank war, denn das hatte er immer gewusst, auch nicht, dass er so naiv gewesen war, und es nie gemerkt hatte, schließlich hatte er bloß sich selbst getäuscht, und das bedurfte, so fand er, eines großen Intellekts. Das, was ihn wirklich beschäftigte, war die Tatsache, dass er nun Angst verspürte. Kalte angst quetschte sein Herz wie ein eiskalter Schraubstock.
"Nichts endet.", sagte Manolo mit zitternder Stimme, "Was hab' ich von dir zu befürchten? Jetzt, wo ich weiß, was du bist, kannst du mir doch garnichts mehr anhaben. Eigentlich existierst du garnicht."
Anatol lachte freudlos auf, dann begann sein ganzer Körper, zu beben. Sein Haar begann zu sprießen, bis zum Boden, ehe es weiß wurde und in Büscheln ausfiel. Seine Augen verwandelten sich in schwarze Höhlen, jedes Stück Haut an seinem Körper dünnte aus, verschwand schließlich komplett.
"Ich existiere nicht?", lachte die teuflische Skelettgestalt und packte den Stoff des Stabes, "Wie kommst du darauf, dass eingebildete Dinge weniger existieren, als echte, greifbare Dinge?"
Mit einem grässlichen Reißgeräusch zerfetzte der Stoff und entblößte eine rasiermesserscharfe Sensenklinge. Stechende Schmerzen durchfuhren Manolo, doch er hielt stand.
"Wenn du nur eingebildet bist, was hindert mich dann daran, dich einfach zu verdrängen?", schrie er.
"Wenn du es nicht weißt, wie könnte ich es wissen?" zischelte Anatol und schwebte langsam und bedrohlich auf Manolo zu. Manolo traf es wie ein harter Schlag ins Gesicht und er stürzte zu Boden. Die Sense erhob sich wie ein Skorpionsschwanz über ihn, bereit, jederzeit zu zu stechen.

Nadine torkelte hinaus auf die Straße. Zwei Personen standen mitten auf der Allee und schlugen sich offensichtlich. Eine war ein hochgewachsener Mann mit kurzem, schwarzem Haar, die andere Person war Manolo, welcher auf dem Boden saß. Der Unbekannte stand gerade vor dem am Boden hockenden Manolo und hatte einen hölzernen Schlagstock über dessen Gesicht erhoben.
"Nein!", schrie Nadine lautstark und Franco ließ den Stock sinken. Manolo schüttelte sich, als hätte man ihm einen Eimer Wasser über den Kopf gegossen und benahm sich plötzlich ganz anders. Er sprang auf und verpasste dem unachtsamen Franco einen Kniestoß in die Magengegend, dann zog er ihn am Arm zu sich und mit einem weiteren Tritt in die Seite sorgte er dafür, dass sein Peiniger zu Boden stürzte, wo er sich unter Schmerzen wand. Der Stock rollte klappernd davon.
Nadine kam zu Manolo gerannt und besah sich seiner Verletzungen. Offensichtlich hatte er bereits einige Schläge ins Gesicht bekommen und Ähnliches. Eine weitere weibliche Stimme ertönte:
"Franco!"
Ein junges Mädchen mit lockigem, blondem Haar und Brille kam zu dem keuchenden Schläger gerannt und half ihm auf.
"Was machst du denn bloß?" Sie sah sich um und erblickte die anderen Anwesenden.
"Manolo.", hauchte sie erstaunt und mit einem Mal war ihr alles klar. Doch schon im nächsten Moment wurde sie zur Seite gestoßen und Franco preschte erneut auf seinen Widersacher zu. Er schlug zu, und traf Manolo mitten ins Gesicht, worauf dieser zurück torkelte. Sein Gesicht war nun blutverschmiert und er schien irgendwie desorientiert. Franco packte ihn nun am Kragen und schlug weiter auf ihn ein.
Vanessa und Anna packten ihn beide von hinten und versuchten, ihn weg zu zerren, jedoch ohne Erfolg. Plötzlich schrie Franco vor Schmerzen auf. Manolo zeigte ein bluttriefendes, trimphierendes Grinsen. Der große, schwarzhaarige Junge sank zu Boden und besah sich wimmernd seines Beines, wo ein großes Küchenmesser durch die Muskeln direkt über seinem Knie gebohrt war. Erschöpft sank Manolo auf die Knie.
"Anatol... es war immer Lustig mit dir und Alles. Aber ich kann deine Fresse jetzt einfach nicht mehr Ertragen."
Nadine versuchte, Manolo aufzuhelfen, um ihn nach Hause zu bringen, wärend Anna einen Krankenwagen rief und Franco bitter weinend, in fester Umklammerung hielt.
Eine bittere Träne riss eine weiße Schneise durch das Blut. Manolo wusste, dass sein Leben das letzte Bisschen Sinn verloren hatte. Er musste komplett von vorn anfangen, oder es hier und jetzt beenden. Ein morbides Grinsen zierte sein Gesicht; er hatte einen Entschluss gefasst.

Ende.



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